16. August 2016

Beide waren "ganz, ganz feine Menschen"

Der Landesverband Brandenburg der LINKEN ehrte Lothar Bisky und Michael Schumann mit Namensgebung

Von Jörg Staude

Zu bewegenden Stunden der Erinnerung wurde am Freitag (12.08.2016) die Namensgebung der Landesgeschäftsstelle der Brandenburger LINKEN in "Lothar-Bisky-Haus". Einen Tag vor dem 3. Todestag und wenige Tage vor dem 75. Geburtstag des Politikers und langjährigen Vorsitzenden der PDS, der im Haus in der Potsdamer Alleestraße auch sein Bundestagswahlkreis-Büro unterhalten hatte, kamen hunderte Wegbegleiter und Mitstreiter zur Namensgebung. Bei dieser erhielt der große Saal des Hauses den Beinamen Michael Schumann. Schumann, einer der profiliertesten Politiker der PDS, war Ende 2000 bei einem Unfall zusammen mit seiner Frau ums Leben gekommen.

Schumann gehörte neben Bisky und Heinz Vietze zur so genannten "Troika", die Anfang der 90er Jahre den "Brandenburger Weg" ins Leben gerufen hatte. Von diesen drei sei er inzwischen der einzige Überlebende, bekannte Vietze, über Jahrzehnte Parlamentarischer Geschäftsführer der PDS-Fraktion in Brandenburger Landtag, vor Freunden und Gästen nicht ohne Wehmut.

Zu Beginn der Veranstaltung hatte Christian Göhrke, Landesvorsitzender der Brandenburger LINKEN, in seiner Ansprache gerade den "Brandenburger Weg" als ein Vermächtnis von Lothar Bisky hervorgehoben. Diesem sei es dabei "nie um Besserwisserei oder ideologischen Streit gegangen". Bisky habe, so Göhrke, Politik gemacht, um zu gestalten und sich für eine Gesellschaft engagiert, in der es "möglichst allen gut geht".

Göhrke hob die historische Leistung von Bisky hervor. Mit ihm an der Spitze sei die PDS Anfang der 1990er Jahre zur verfassungsgebenden Partei geworden, obwohl sie damals "massiven Anfeindungen" ausgesetzt war. Bisky habe das Fundament dafür gelegt, dass Brandenburg und auch die PDS sich anders entwickelten als dies vergleichsweise in anderen Bundesländern war. "Wir sind durch die Arbeit der 'Troika' Bisky-Schumann-Vietze nie in Fundamentalopposition verharrt, sondern haben immer konstruktive Arbeit gemacht", erklärte Göhrke.

Biskys Name ist, das wurde beim Gedenken eins ums andere Mal deutlich, geradezu ikonografisch mit zentralen Ereignissen und Wendepunkten linker Politik seit 1990 verbunden. Anita Tack, langjährige Mitstreiterin Biskys im Brandenburger Landtag, erinnerte sich an die im Jahr 1999 zwar "wunderbar" gewonnenen Landtagswahlen, der dann aber umso schwierigere und rasch scheiternde Koalitionsverhandlungen mit der zuvor alleinregierenden SPD folgten. Lothar habe sich dabei "total unwohl gefühlt, aber zwei Tage durchgehalten", sagte Tack. Bisky "fröhliche Quälerei" werde ihr ein bleibendes Erlebnis sein.

Peter Michael Diestel, letzter DDR-Innenminister und ehemals führender CDU-Politiker in Brandenburg, lobte die Idee zur Namensgebung. "Tradition und Geschichte haben nur die, die keine geschichtslosen Gesellen sein wollen", sagte er. Für Diestel ist Bisky schon vor der Wende im "Widerstand gegen die Dummheit" gewesen, "aber nicht in dem Widerstand, der heute so als Widerstand in der DDR dargestellt wird."

Dietmar Bartsch, heutiger Fraktionsvorsitzender der LINKEN im Bundestag, erinnerte sich an die Zeiten des so genannten "Küchenkabinetts" der PDS. Diesem hätten neben der "Troika" noch Gregor Gysi, Andre Brie, er selbst sowie gelegentlich Hans Modrow angehört. Bartsch hält im Rückblick ein solches Gremium in der Zeit für unverzichtbar. "Wir standen damals wirklich mit dem Rücken zur Wand, die Existenz der Partei war gefährdet", begründete er.

Im Küchenkabinett habe, so Bartschs Erinnerung, eine einmalige Atmosphäre geherrscht. "Bisky und Schumann waren, losgelöst von den politischen Überzeugungen, ganz, ganz feine Menschen. Auf die konnte man sich verlassen und auf die konnten sich andere verlassen. Ohne die zwei würde es die Linke heute so nicht geben", resümierte der Fraktionsvorsitzende.

Zu Bisky fiel Bartsch auch ein anderes konstituierendes Ereignis in der Geschichte der Linken in den letzten 25 Jahren ein: der Hungerstreik Ende 1994. Lothar habe sich in der Volksbühne als erster einen Platz weit außen gesucht - mit der Begründung, er wolle in Ruhe schlafen. So abseits konnte er aber vor allem, vermutete Bartsch heute, seine täglichen vier Schachteln Karo rauchen.

Hans Modrow, der Ehrenvorsitzende der Linken, verwies bei der Namensgebung auf die Verbundenheit des Rektors Bisky mit den Studenten der Hochschule für Film und Fernsehen. Lothars Stärke in dieser Funktion legt für Modrow ein aktuelles Handicap der LINKEN offen. "Wir wissen zu wenig, wie die unten denken, weil nicht wenige von uns schon immer bei den Oberen sind. Aber Lothar war nicht bei den Oberen, der wusste was die Studenten denken", insistierte Modrow. Diese Seite von Lothar Bisky sollte man immer mitdenken.

Dagmar Enkelmann, die heutige Vorsitzende der Rosa-Luxemburg-Stiftung, verbindet mit Lothar Bisky besonders die Momente, in denen sie von ihm "überzeugt" wurde, 2003 stellvertretende Vorsitzende der PDS zu werden sowie 2005 wieder für den Bundestag zu kandidieren. "Bundestag wollte ich überhaupt nicht mehr, aber er hat mich dann doch gekriegt." Lothar habe zu ihr jeweils gesagt, er kandidiere nur dann für die Posten, wenn auch sie antrete. Man gebe Lothar den "kleinen Finger und dann ist man den ganzen Arm los."

Der Abend voller Geschichten zeigte, wie groß das Bedürfnis ist, Leben und Person von Lothar Bisky und Michael Schumann zu bewahren und ihre Lebensleistung für die heutige Zeit zu nutzen. Insofern war die Ankündigung von Heinz Vietze sehr aktuell, dass die bisherige Michael-Schumann-Stiftung in eine Stiftung "Gedächtnis demokratischer Sozialistinnen und Sozialisten" umgewandelt werden soll.