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Aktuelles aus dem Landesverband

Foto: Ben Gross Photography
Anja Mayer
Anja Mayer

Andreas Fritsche, neues deutschland

Sommergefühl mit Realität abgleichen – Interview mit Anja Mayer

Sie sind Arzthelferin von Beruf und haben im Frühjahr, als das Potsdamer St. Josefs-Krankenhaus wegen der Corona-Epidemie überlastet war, ehrenamtlich Dienste in der Notaufnahme dieser katholischen Klinik geschoben. Nun sind Warnungen zu hören, dass die Intensivstationen in Deutschland infolge Personalmangels bald überfüllt sein könnten. Haben Sie erneut Hilfe angeboten?

Das St. Josefs-Krankenhaus hat mir kürzlich eine E-Mail geschrieben und angefragt, ob ich wieder helfen könnte, falls es wirklich eng wird.

Und, werden Sie das machen?

Ich musste das erst noch im Landesvorstand der Linkspartei besprechen. Aber selbstverständlich möchte ich einspringen.

Haben wir nach Ihrer Einschätzung tatsächlich eine Coronakrise oder nicht vielleicht vielmehr ein über Jahre hinweg durch zu geringe Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen erzeugtes Personalproblem im Gesundheitswesen?

Ich glaube, wir haben eine Coronakrise und zusätzlich ein Gesundheitswesen, das schon vor dieser Krise krank war, das unter anderem durch das Abrechnungssystem nach Fallpauschalen kaputtgespart worden ist. Wie die Patienten behandelt werden, richtet sich im Prinzip nicht nach deren Bedürfnissen, sondern danach, was die Krankenkassen dafür bezahlen. Ich bin als Patientin manchmal fassungslos, wenn mir in der Arztpraxis gesagt wird, ich solle mir einen Termin für eine Röntgenuntersuchung holen, und dann ewig vergeblich herumtelefoniere, um irgendwo einen Termin zu bekommen. Das habe ich noch anders erlebt, als ich vor vielen Jahren als Arzthelferin meinen Lebensunterhalt verdiente. Es war beispielsweise ein schwerer Fehler, Kliniken zu privatisieren und damit unter Profitdruck zu setzen. Im Drei-Schicht-System als Krankenschwester zu arbeiten, das ist schwer vereinbar mit einem glücklichen Familienleben. Wenn es dann auch noch schlecht bezahlt wird, sind natürlich schlecht Fachkräfte zu finden, die sich das antun wollen.

Auch in Ihrer Partei gibt es nicht gerade wenige Menschen, die daran zweifeln, dass das Coronavirus tatsächlich so gefährlich ist wie im Frühjahr alle gedacht haben. Was sagen Sie solchen Genossen?

Dass Deutschland nur deshalb so vergleichsweise glimpflich durch die erste Welle der Pandemie gekommen ist, weil frühzeitig konsequent Gegenmaßnahmen ergriffen worden sind und die Bereitschaft der Bevölkerung bestand, sich an die Regeln zu halten und Einschränkungen hinzunehmen. Staaten wie die USA und Brasilien, die Covid-19 damals nicht ernst nahmen, bekamen massive Probleme. Ich erzähle den Zweiflern, was ich im St. Josefs-Krankenhaus erlebt und gesehen habe. Ich habe Covid-19 dort als eine schwerwiegende Krankheit wahrgenommen, die nicht allein die Lunge befällt, sondern auch Herzinfarkte und Thrombosen auslösen kann. Alle möglichen schlimmen Spätfolgen kennen wir noch nicht und müssen auch deshalb vorsichtig sein. Das Krankheitsbild ist nach meiner Beobachtung ein ganz anderes als bei einer herkömmlichen Grippe – das kann ich sagen.

Der Landtagsabgeordnete Andreas Büttner (LINKE) hat sich nachdenklich gezeigt, ob ein Beherbergungsverbot für Hotels und Pensionen eine richtige Maßnahme sei und ob nicht die wirtschaftlichen Folgen eines erneuten Lockdowns die Bevölkerung schlimmer treffen könnten als die Pandemie selbst. Linksfraktionschef Sebastian Walter stellte die Frage, ob es richtig ist, für vier Wochen das gesamte Kulturleben herunterzufahren. Wie beurteilen Sie das?

Andreas Büttner und Sebastian Walter stellen die Fragen, die man stellen muss, die man mit Wissenschaftlern diskutieren muss, um abwägen zu können.

Welche Maßnahmen sind notwendig und welche könnten entfallen?

Um das fundiert zu entscheiden, braucht es die Debatte mit Wissenschaftlern, die nicht immer einer Meinung sind, und braucht es auch einen demokratischen Diskurs in der Gesellschaft. Bisher läuft es ja leider so, dass die Bundeskanzlerin die Maßnahmen in einer Runde mit den Ministerpräsidenten bespricht und die Parlamente anschließend nur informiert werden, was gemacht wird.

Ist jetzt noch die Zeit für langwierige parlamentarische Verfahrensweisen?

Parlamente können durchaus zügig beschließen. Aber natürlich wurde und wird versäumt, Handlungsmöglichkeiten vorzubereiten. Man hätte lange vorher festlegen können und müssen, was geschehen soll, wenn eine bestimmte Zahl von Infektionen erreicht wird oder nur noch soundso viele Betten auf Intensivstationen frei sind. Wenn das St. Josefs-Krankenhaus sich rechtzeitig kümmern und nach Personal für den Notfall umsehen kann, wie ich das erlebe, dann darf ich das auch von der rot-schwarz-grünen Landesregierung erwarten.

Kann sich Brandenburg diesen zweiten Lockdown finanziell überhaupt noch leisten, nachdem der erste Lockdown im Frühjahr bereits Milliarden gekostet hat?

Die Frage muss man umdrehen. Können wir uns überfüllte Kliniken und den Tod von Menschen leisten?

Immer öfter ist zu hören, Menschen sterben nun einmal, dies sei hinzunehmen.

Tut mir leid, so vermag ich nicht zu denken. Da bin ich zu sehr Arzthelferin. Auch wenn ich keinen hippokratischen Eid geschworen habe, bin ich verpflichtet Menschenleben zu retten. Das steht für mich über anderen Dingen.

8200 Polizisten können niemals die Einhaltung der Regeln durch 2,6 Millionen Brandenburger flächendeckend überwachen. Welchen Ausweg sehen Sie?

Man muss die Bevölkerung überzeugen. Dafür ist es notwendig, solche Maßnahmen zu ergreifen, die offensichtlich wirksam und in sich schlüssig sind. Es versteht doch aber beispielsweise niemand, warum Kinder früh gemeinsam eine Schule besuchen, aber nicht nachmittags zusammen in einem Sportverein trainieren dürfen. Es ist auch nicht nachvollziehbar, Hotels und Restaurants einfach so zu schließen, ohne wenigstens die Hygienekonzepte daraufhin abzuklopfen, ob sie eventuell ausreichen. Währenddessen bleiben Friseursalons aus unerfindlichen Gründen geöffnet – anscheinend also nur, weil es zu viele Beschwerden hagelte, als die Salons im Frühjahr dicht gemacht worden sind.

Aber den Lockdown halten Sie für unumgänglich?

Ich befürchte ja. Ich kann aber die Leute sehr gut verstehen, die genervt sind, die sich ärgern, und erst recht verstehe ich die Menschen, die Existenzängste haben und sich fragen, ob das alles sein muss. Ich hatte auch so ein Sommergefühl und hoffte noch vor ein paar Monaten, dass es nach der ersten Welle vorbei und überstanden ist. Dabei hatte ich doch gelernt und wusste eigentlich, dass bei jeder Pandemie eine zweite Welle kommt, die schlimmer ist als die erste. Wir müssen also unser positives Sommergefühl mit der Realität im Herbst abgleichen, uns den Tatsachen stellen. Auch mir fällt das schwer. Aber ich muss es tun.

Haben Sie auch Verständnis für Bürger, die sich an Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen beteiligen, obwohl dort Neonazis herumlaufen?

Es gilt der Grundsatz: Mit Nazis demonstriert man nicht. Die Bilder vom "Sturm auf den Reichstag" haben mich wirklich erschreckt. Aber ich muss doch weiter mit meiner Freundin reden, die plötzlich seltsame Dinge erzählt und Ansichten äußert, die ich nicht teile, die neben Nazis auf die Straße geht, aber selbst kein Nazi ist. Bei ihr muss ich für Corona-Maßnahmen werben, die ich für sinnvoll und notwendig halte. Das muss mir möglich sein, ohne dass ich deswegen von dem Grundsatz abgehe: "Mit Nazis demonstriert man nicht!"

In Brandenburg haben SPD und Grüne ihre für den 7. und 8. November geplanten Landesparteitage verschoben. Die LINKE wollte Anfang Dezember bei einem Parteitag die Landesliste für die Bundestagswahl 2021 aufstellen. Was wird daraus?

In neun von zehn Wahlkreisen haben wir unsere Direktkandidaten aufgestellt. Nur die für den 2. November geplante Nominierung von Christian Görke musste verschoben werden. Dass Problem ist jedoch, dass mehrere Kreisverbände noch keine Delegierten gewählt haben und das jetzt im Lockdown nicht machen können. Darum müssen wir unsere Vertreterversammlung verschieben. Das hat der Landesvorstand am Sonnabend einstimmig entschieden.

 

Erschienen am 8. November 2020 auf www.neues-deutschland.de (Link).

 


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